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[ Thomas Bernhard ]

Warten auf Godot

"Warten auf Godot" erschien 1952 und wurde am 5. Januar 1953 in Paris uraufgeführt. Das Stück erzählt keine eigentliche Geschichte, sondern zeigt eine mehr oder weniger statische Situation auf. Es geschieht praktisch nichts: Neben einer Landstrasse am Fusse eines Baumes warten die beiden Landstreicher Wladimir und Estragon auf Godot. So stellt sich die Situation am Anfang des ersten Aktes. Gegen Ende des ersten Aktes erfahren die beiden, dass Godot mit dem sie eine Verabredung haben, nicht kommen kann, aber Godot lässt durch einen Jungen ausrichten, dass er bestimmt am folgenden Tag erscheinen wird. Im zweiten Akt geschieht genau das Gleiche, der gleiche Junge bringt ihnen die gleichlautende Nachricht: Godot wird erst am folgenden Tag erscheinen. Einzig die Abfolge der Geschehnisse und die Dialoge unterscheiden sich. Wiederholt - unter anderen Umständen - treffen die beiden Landstreicher auf ein zweites Personenpaar, Pozzo und Lucky, Herr und Diener. In jedem Akt versuchen sich Wladimir und Estragon in der Hoffnungslosigkeit des unaufhörlichen Wartens umzubringen und scheitern jedesmal daran.

Die Hauptfiguren des Stückes ergänzen sich gegenseitig und sind gleichzeitig voneinander abhängig. Wladimir ist der Nüchterne, Sachliche, Estragon behauptet von sich, ein Dichter zu sein, er ist launisch und träumt vor sich hin. Wladimir erinnert sich an Vergangenes, Estragon hat die Tendenz alles sehr schnell wieder zu vergessen. Vor allem Wladimir hofft, dass Godot kommen wird, Godots Erscheinen die Situation grundlegend ändert, währenddem Estragon bis zum Schluss skeptisch ist und sogar mehrmals den Namen "Godot" vergisst.

Eine ähnliche gegenseitige Ergänzung findet sich ebenfalls bei Pozzo und Lucky, hier handelt es sich nicht um eine Freundschaft sondern mehr um eine gegenseitige Abhängigkeit: Pozzo ist der tyrannische Meister, Lucky der unterdrückte Diener. Im ersten Akt ist Pozzo reich und mächtig, selbstbewusst und stellt den 'Mann von Welt' dar, währenddem Lucky für ihn denkt und handelt. In Tat und Wahrheit hat Lucky seinem Meister alles beigebracht. Die Beiden stehen in einer Beziehung zwischen Wesen und Sein, Materiellem und Spirituellem.

Der Titel "Warten auf Godot" lässt vermuten, dass Godot eine abgeleitete Form des englischen Wortes "God" (Gott) ist. Godot ist die "Verkleinerungsform", die im Französischen ähnlich wie Pierrot von Pierre oder Charlot von Charles abgeleitet wird (1). Wenn das Warten auf Godot ein Warten auf Gott ist, der die beiden Protagonisten Wladimir und Estragon erlösen soll, ergibt sich eine denkbare Erklärung: Die Menschen streben auf einen Gott hin, der sie erlöst. Die Verheissung durch den Jungen bedeutete eine mögliche Metapher für das "Bodenpersonal Gottes" (2). Der Begriff "Gott" beinhaltet verschiedenste Implikationen und Unklarheiten. Während dem elendiglichen Warten und der ewigen Ungewissheit, bleibt einzig und allein die Hoffnung, die zeitweise in Hoffnungslosigkeit überschlägt. Warten, harren auf etwas, umfasst die Hauptthematik des Stückes und ist Teil des menschlichen Lebens. Im Leben warten wir ständig auf etwas. Godot vertritt den Gegenstand dieses Wartens, ein Ereignis, eine Person, den Tod oder eben Gott. Im 'Akt des Wartens' vergeht die Zeit. Das Leben ist dauernden Veränderungen unterworfen - "the only constant since the beginning of time is change" (3) - Wartend sind Wladimir und Estragon der Welt, den Geschehnissen ausgeliefert und können diese nicht beeinflussen, sie schwanken zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, je länger sie warten umso aussichtsloser wird die Situation. Wladimir und Estragon leben in der Hoffnung, Godots Erscheinen würde die Zeit aufhalten. Sie hoffen, von der ewigen Ungewissheit und der Illusion gerettet zu werden.

Der Junge, der ihnen die Nachricht überbringt erkennt die beiden von Tag zu Tag nicht mehr, ähnlich bei Pozzo und Lucky: Pozzo vermag sich nicht mehr an Wladimir und Estragon erinnern. Die Zeit verändert die Menschen oder die Menschen verändern sich stetig im Ablauf der Zeit. Es passiert nichts Reelles in "Warten auf Godot" - im Sinne, dass es dem Betrachter absolut absurd erscheint, jemanden nach kurzer Zeit nicht mehr zu erkennen. Andererseits stehen Wladimir und Estragon, indem sie Warten, abseits der Zeit - ausserhalb der Zeit. Wladimir kann sich an den Jungen, an Pozzo und Lucky und an Godot erinnern, wenn auch nicht mehr so klar. Die anderen Protagonisten verändern sich im Laufe der Zeit und erinnern sich nicht mehr. Das Stück bleibt widersprüchlich in diesem Punkt, da diese fortwährenden Veränderungen ebenfalls illusorisch erscheinen, im Anbetracht des gesamten Stückes: in jedem Akt läuft eigentlich das Gleiche ab. Die Situation bleibt letztenendes statisch; die abschliessenden Worte Estragons lauten "Gehen wir!" Die darauffolgende Regieanweisung beschreibt die darauffolgende Unbeweglichkeit "Sie gehen nicht von der Stelle".

Es besteht eine starke Unsicherheit durch das ganze Stück hindurch, die zwei Landstreicher warten auf Godot, obwohl sie gar nicht mehr genau wissen, ob sie tatsächlich mit ihm verabredetet sind. Estragon erinnert sich nicht mehr, Wladimir weiss nicht mehr, was sie ihn genau gefragt haben: "... Eigentlich nichts Bestimmtes ... Eine Art Gesuch ... Eine vage Bitte ..." und Godot hat ihnen versprochen: "... Er würde mal sehen ...Er müsse überlegen...".

Wiederkehrende Motive sind die andauernde Ungewissheit in der Verabredung mit Godot, die Irrationalität dieser Person an sich und die sich steigernde Hoffnungslosigkeit. Nur weil sie an den Versuchen scheitern, sich umzubringen, verbleiben sie wartend. Die beiden führen einen unaufhörlichen Dialog mit dem Ziel sich abzulenken, Estragon: "Das tun wir, um nicht zu denken".

"Warten auf Godot" ist ein Stück über die Zeit, über den Widerspruch zwischen Veränderung und Statik und über die Suche nach der Existenz des Menschen.

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(1) Maurizia Berttini: Tesi die Laurea (Verknüpfung nicht mehr aktuell?), http://www.comune.collegno.to.it/maurizia/indice.htm
(2) Gottfried Grimm, Seminarlehrer Kreuzlingen, über die Leute im Kirchendienst
(3) Sprichwort, unbekannter Verfasser


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Adrian Spirgi